20. Februar 2015

Yanis Varoufakis - neuer griechischer Finanzminister

Yanis Varoufakis Subversive interview 2013 cropped
Finanzminister Varoufakis hat den Griechen beigebracht, über Finanzen und Wirtschaft zu diskutieren, ohne immer alles in Zahlen zu fassen. Genau diese Fähigkeit, wirtschaftliche Zusammenhänge als Mechanismen und nicht als Zahlenkolonnen zu erklären, brachte ihm erst die Popularität, welche ihn auf den Ministersessel hievte. Varoufakis ist in Griechenland dafür bekannt, dass er Dinge beim Namen nennt und Euphemismen mit Vehemenz als Lügen entlarvt

schreibt Wassilis Aswestopoulos am 18. Februar 2015 in Telepolis.

Damit war der am 24. März 1961 in Athen geborene Wirtschaftswissenschaftler Yanis Varoufakis bereits lange vor dem Wahlsieg der Partei Syriza und seiner Ernennung zum Wirtschaftsminister ein beliebter Gesprächspartner für all jene, die versuchten, die Eurokrise zu verstehen und über Wege aus der Krise nachdachten. Ich hatte ihn damals durch Christian Rathners Buch " Durch die Krise kommt keiner allein" kennen und schätzen gelernt. Seither lese ich auch regelmäßig seinen Blog und folge seinem Twitter-Account, auf dem er sich (meist auf Englisch) schon mal spontan zu Wort meldet, wenn er falsch in den Medien zitiert wurde und zeigt, dass er auch kleine kulturelle Auszeiten aus seinem anstrengenden Job zu schätzen weiß.

Varoufakis hat zahlreiche Werke zu wirtschaftlichen Themen, zur Krise und zur Spieltheorie geschrieben.
Am 27. Februar 2015 erscheint im Verlag Antje Kunstmann  "Bescheidener Vorschlag zur Lösung der Eurokrise " von von Yanis Varoufakis, Stuart Holland und James Galbraith.

Kaum jemand will wohl ernsthaft dem Ökonomen, der schon vor der Euroeinführung das heutige Dilemma prophezeit hatte, sein profundes Fachwissen und seine besonders ausgeprägte Fähigkeit, Zusammenhänge zu erfassen und verständlich und klar darzustellen, abstreiten. Und dennoch gibt es gegenwärtig in der deutschsprachigen Presse jede Menge Schelte und Häme für den unkonventionellen, sich gern lässig kleidenden neuen Finanzminister, den sie mal  Pöbelnden Polter-Politiker oder  Geisterfahrer, mal Polit-Punk und Zocker nennt.



18. Februar 2015

Freue mich auf Charis Alexiou April / Mai 2015


Die Tickets liegen schon bereit. In München, im Circus Krone, tritt die beliebte griechische Sängerin am 3. Mai 2015 auf und darauf freue ich mich schon!

Am 18. April 2015 beginnt die Europa-Tour in Stuttgart. Es folgen, Rotterdam am 20.4., Brüssel am 22.4., Uppsala am 25.4., Köln am 28.4., Zürich am 29.4., Nürnberg am 2.5., bevor München am 3.5. dran ist. Danach dann noch Berlin und Frankfurt.

Zum Repertoire der großen, am 17. Dezember 1950 in Theben geborenen griechischen Künstlerin mit ihrer unverwechselbaren, markanten Stimme gehören neben traditionellem griechischen Liedgut  und Rembetika auch  Balladen und Chansons. Mit auf Tour geht ihr Nouveau Sextet.

16. Februar 2015

Griechische Komponente in den Romanen von Andreas Schäfer

Drei Romane hat der Journalist und Autor Andreas Schäfer bis jetzt vorgelegt. Einer harten Zerreißprobe ausgesetzte Familienbande spielen in allen drei eine Rolle und - teils mehr, teils weniger - Griechenland.
Letzteres ist kein Wunder, ist doch die Mutter des 1969 in Hamburg geborenen und zur Zeit in Berlin lebenden Autors Griechin.

Gelesen habe ich bis jetzt die beiden letzten der drei Romane - mit viel Vergnügen. Nachdem ich diese Website als Griechenlandblog konzipiert habe, will ich hier vor allem auf die griechische Komponente in den Büchern eingehen. Ich finde es interessant, wieweit sich griechische Wurzeln eines in Deutschland geborenen, lebenden und arbeitenden griechischstämmigen Autors in seinem Werk spüren lassen.

In "Wir vier" scheint Griechenland nur im Hintergrund auf, als Ort der Sehnsucht, wohin sich der ehemalige Pilot Lothar vielleicht gern zurückziehen würde, nachdem der gewaltsame Tod eines seiner beiden Söhne seine Familie und seine ganze Welt zerbersten ließ. Kurz entschlossen fliegt er für kurze Zeit auf eine griechische Insel. Seine Frau fürchtet, er wolle nicht mehr zurück kommen und er gibt zu, dass es diesen Gedanken gab. Schließlich versuchen er und seine Frau Ruth sich aus der hilflosen Starre, in die sie durch den tragischen Verlust ihres Kindes gefallen sind, zu lösen. Ruth durch eine Kontaktaufnahme mit dem Mörder ihres Sohns und Lothar durch ein neues Projekt, in das er seine brachliegende Energie steckt - einen Segelflugplatz, auf einem Grundstück, das er in der Nähe des Hauses der Familie kauft. Auch hier kommt Griechenland wieder in den Sinn. Es gibt ihm den Eindruck eines Beckens, das ihn an eine Hochebene auf einer griechischen Insel erinnert, eine kaum bewachsene Ebene aus rissiger Erde, von verwachsenen Olivenbäumen eingefasst. Das Becken hier sammelte eine ähnliche Ruhe, kraftvoll und besänftigend ....

Der Roman "Gesichter" nimmt seinen Beginn mit dem Ende eines Familienurlaubs auf einer griechischen Insel und der Einschiffung in der westgriechischen Hafenstadt Patras. Hier wird der auf Gesichtsblindheit spezialisierte Neurologe Gabor Lorenz Zeuge, wie ein Flüchtling auf einen Lastwagen springt, um unbemerkt auf die Fähre zu gelangen. Er wirft ihm eine Tüte mit Obst in den Laster, ohne daran zu denken, dass darin auch einige an seine eigene Berliner Anschrift adressierte Postkarten stecken. Während diese schön langsam - eine nach der anderen - bei ihm Eintreffen, wächst in ihm ein diffuses Gefühl der Bedrohung... - und dann verschwindet auch noch seine ältere Tochter. Hat der Flüchtling etwas damit zu tun? Oder ist sie vielleicht auf die Ferieninsel zurückgekehrt, wo die Familie ein Haus besitzt und wo sie sich im Urlaub verliebt hatte? Lorenz fliegt wieder auf die Insel, um nach ihr zu suchen.

Soviel zum konkret Griechischen in den beiden Büchern. Und was ist mit Schäfers Fixierung auf familiäre Probleme? Jedenfalls würde es mich nicht wundern, wenn ein Mensch mit griechischen Wurzeln das Fehlen oder Zerbrechen einer heilen, sich gegenseitig Halt gebenden Familie empfindlicher spürt als viele Deutsche, für die es wohl eher zur alltäglichen Realität geworden ist, als meist noch in Griechenland, wo die Familie noch weit mehr ein sicherer Hafen ist  - besonders in Zeiten des Sturms wie der gegenwärtigen Krisensituation.

Lust gemacht hat mir die Lektüre der beiden obigen Werke von Andreas Schäfer darauf, auch endlich seinen Debütroman "Auf dem Weg nach Messara" zu lesen. Es scheint das "grieschichste" seiner drei Bücher zu sein. Im Zentrum steht eine Beerdigung in Griechenland und das Zusammentreffen einer deutsch-griechischen Familie zu diesem Anlass. Da ich das Buch selbst bislang noch nicht gelesen habe, hier der Hinweis auf eine Rezension in der FAZ und weitere Rezensionsausschnitte beim Perlentaucher.


15. Februar 2015

Unterschiedliche Termine bei Festen der Ost- u. Westkirchen

Warum feiern Ost- und Westkirchen ihre beweglichen Feiertage teils zu unterschiedlichen Terminen?

Ostern und die davon abghängigen Feste

Alle christlichen Kirchen feiern Ostern prinzipiell am Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond. Dennoch deckt sich das Datum des Osterfests in Ost und West nur in wenigen Jahren.

Hauptgrund für die meist unterschiedlichen Termine zwischen Ost- und Westkirchen sind die unterschiedlichen Kalender, die sie der Festsetzung ihrer Kirchenfeste zugrunde legen.
 Während erstere sich nach dem älteren julianischen Kalender richten, legen letztere den neueren gregorianischen Kalender zugrunde. Einige orthodoxe Kirchen, wie beispielssweise die russische, ukrainische und serbische, tun dies für all ihre Feiertage, während andere, wie zum Beispiel die griechische nur das in der Orthodoxie wichtigste Fest, das Osterfest, und die davon abhängigen beweglichen Feiertage wie z.B. Pfingsten nach dem julianischen Kalender bestimmen, die restlichen Feiertage aber nach dem dem weltlichen Kalender entsprechenden gregorianischen Kalender feiern. Die Differenz zwischen beiden Kalendern beträgt zur Zeit und noch bis 2099 dreizehn Tage, die man zum jeweiligen Datum entsprechend gregorianischer Zeitrechnung addieren muss. Das Vereinbarte Datum für den Beginn des Frühlings, dessen erster Vollmond als Grundlage für die Festlegung des Osterfests dienen soll, ist der 21. März - folgt man dem julianischen Kalender sind dazu also 13 Tage zu addieren, woraus der 3. April nach weltlichem bzw. gregorianischem Kalender resultiert. Wäre noch verhältnismäßig einfach und würde uns noch öfter, als tatsächlich der Fall ist, gemeinsame Ostern bescheren.

Nun bestimmt der julianische Kalender aber auch den Vollmond anders, nämlich nach dem Meton-Zyklus, woraus weitere Differenzen resultieren. Letzlich meidet die orthodoxe Kirche auch noch einen Ostertermin der an oder vor dem jüdischen Pessach-Fest liegt. All dies sorgt für weitere Abweichungen zwischen den östlichen und westlichen Festterminen.

10. Februar 2015

Neuzugang für meinen Lesesessel


Für die nächsten Februarabende liegen bereit:

"Erzählungen aus dem heutigen Griechenland" von Christos Ikonomou unter dem Titel "Warte nur, es passiert schon was"

und

die beiden Romane Wir vier und Gesichter von Andreas Schäfer

Letztere beiden Romane und deren Autor klingen zwar nicht gerade Griechisch?

Tatsächlich schrieb sie der 1969 in Deutschland als Sohn eines deutschen Vaters und einer griechischen Mutter geborene Andreas Schäfer auf Deutsch. Der Autor ist in Deutschland aufgewachsen. Mitte Zwanzig nahm er griechischen Sprachunterricht und reiste für ein Jahr nach Griechenland. Er wollte die Verbundenheit und Sehnsucht, die er für das Land spürte, für ihn fassbarer werden lassen. Grieche? Deutscher? Deutschgrieche? Andreas Schäfer hat sich verortet: Er fühle sich als Mitteleuropäer. Mehr zu ihm in diesem Artikel  der Deutschen Welle, einschließlich Fotos des Autors - typisch griechische Gesichtszüge, oder?

Weiterer Blogbeitrag dazu:
> Meine Buchbesprechung von "Warte nur,es passiert schon was" des Christos Ikonomou


5. Februar 2015

Wer rettet wen? - Film klärt auf

Grafik Wer rettet wen
 Leidtragende der Finanzkrise sind Menschen - in Griechenland und anderen betroffenen Ländern.
Was gerettet wird, sind aber nicht sie, sondern Banken.

Nach WATER MAKES MONEY und BAHN UNTER DEM HAMMER wirft auch der neue Film WER RETTET WEN? von Leslie Franke und Herdolor Lorenz einen Blick von unten auf die Probleme, die uns alle angehen.
Am 11. Februar 2015 soll der Film an möglichst vielen Orten gleichzeitig zu sehen sein – und ein Tag später ist regulärer Kinostart.
 
Seit Jahren werden Banken und Länder gerettet. Politiker schaffen immer neue Rettungsfonds, während mitten in Europa Menschen  wieder für Hungerlöhne arbeiten und bis zur Verarmung und Verzweiflung geschröpft werden.

Für Großbanken ist die Finanzkrise vor allem ein Geschäftsmodell. Und die ständig „verstimmten“ und „enttäuschten“ Finanzmärkte scheinen ein besonderes Wesen zu sein, das bei Laune gehalten werden muss. Um die Laune der Menschen, die Opfer einer ihnen untragbare Lasten aufbürdenden und sie ihrer sozialen Sicherheit beraubenden Austeritätspolitik geworden sind, schert sich hingegen wohl niemand. Oder endlich vielleicht doch?

Die von einer großen Wählerzahl legitimierte neue griechische Regierung will neue, menschlichere Wege gehen und eckt damit bei fast ausnahmslos allen Europäischen Politikern und Medien übel an. Deshalb kommt dieser Film genau im richtigen Moment! Hoffentlich gelingt es ihm, möglichst vielen Menschen in ganz Europa ein tieferes Verständnis der Krise zu vermitteln und damit Wegbereiter einer echten Rettung daraus zu sein.

Liste der Filmvorführungsorte und -daten.

3. Februar 2015

Unterwegs in Nordrhein-Westfalen in Sachen Griechenland

Im Januar veranstaltete die Volkshochschule Ahlen Politisch-Kulturelle Wochen zum Thema Griechenland und lud mich ein, in diesem Rahmen aus meinem Fettnäpfchenführer Griechenland zu lesen. Eine schöne Gelegenheit, meine bayerische Heimat mal Richtung Nordwesten - statt wie sonst fast ausschließlich Richtung Südosten - zu verlassen und Nordrhein-Westfalen zu besuchen.


Nachstehend der Bericht des Ahlener Tagblatts - Die Glocke über die Lesung in der schönen, alten Buchhandlung Sommer in Stadtkern von Ahlen.
Eine weitere Lesung fand am nächsten Abend in dem historischen, denkmalgeschützten Haus Siekmann in Sendenhorst statt. Dazwischen hatte ich Gelegenheit durch den Ort Ahlen mit seinen schönen Fachwerkbauten und interessanten Kirchen zu spazieren und seinen Markt zu besuchen. Und vor der Rückreise schob ich noch einen Düsseldorfbesuch ein.






1. Februar 2015

Michalis Pantelouris

Griechisches Blut fließt in den Adern diese in Hamburg lebenden umtriebigen Tausendsassas und allerhand gute Ideen gedeihen in seinem Kopf.

Er ist 1974 als Sohn eines griechischen Vaters und einer deutschen Mutter geboren, lernte Journalismus an der Deutschen Journalistenschule in München und arbeitete als Redakteur für verschiedene Medien.

Witzig-gescheite Artikel über Geld, (Büro-)Freundschaft, Kaffee u.v.m., tja, und - natürlich - über Griechenland stammen aus seiner Feder. Dann machte er sich Gedanken über richtige Berufswahl und schrieb das Buch Werde das, was zu dir passt!, Vom Traum zum Beruf Schließlich begann er, sich einem Produkt zu widmen, das in Griechenland reichlich produziert wird, dem Olivenöl, wie auf seiner Website zu erfahren ist.

Am Sonntag, den 1. Februar 2015 um 21:45 Uhr ist Michalis Pantelouris  zu Gast bei Günther Jauch im ARD, wenn es heißt "Der Euro-Schreck - wohin führt die Griechen-Wut?"

28. Januar 2015

30. Januar - Fest der Hl. 3 Hierarchen, der Schulpatrone

Die drei Bischöfe  Gregor von Nazianz, Johannes Chrysostomos und der auch Basilius der Große genannte Basilius von Caesarea gelten in der griechisch-orthodoxen Kirche als Patrone der Bildung und Literatur.

Ihr Gedenktag ist der 30. Januar. Traditionell fällt an diesem Tag der normale Unterricht an Schulen und Universitäten aus. Statt dessen ist ein Kirchbesuch zu Ehren der drei Heiligen angesagt.







7. Januar 2015

7. Januar - Fest Johannes des Täufers

Wie bereits der Vortag, der 6. Januar, an dem die orthodoxen Griechen mit der Großen Wasserweihe an einem Gewässer ihrer jeweiligen Gemeinde wie dem Meer oder einem Fluss die Taufe Christi (= Theofania ) feiern, steht auch der 7. Januar - das Fest Johannis des Täufers - in Griechenland im Zeichen des Wasser. Ein Brauch will vor allem, dass jungvermählte Ehemänner mit Wasser begossen werden, um sie von ihren Jugendsünden rein zu waschen. In Livadia bei Serres tanzen sie unter bogenförmigen Girlanden durch und werden dabei mit Wasser besprengt. In manchen Dörfern schmeißt man sich auch gegenseitig in niedrige Brunnen oder Bäche.

6. Januar 2015

Kalanda - verschiedene Gesänge begleiten Zeit von Weihnachten bis Epiphanie

Weihnachten, Neujahr und Theofanie (= die Taufe Christi, die am 6. Januar - dem Dreikönigstag der Westkirchen gefeiert wird) -  all diese Feste der Dodekaimero (“12 Tage”) genannten griechischen Weihnachts-/Neujahrszeit haben in Griechenland ihre eigenen traditionellen Gesänge, die sie begleiten. Es gibt eigene Lieder speziell zum Heiligen Abend, andere zum Jahreswechsel und wiederum spezielle für das Ende der Festtagszeit am 6. Januar.

Hier das bekannteste Lied zum auch Fota genannten Theofanie-Tag am 6.1.: "Simera ta fota"

4. Januar 2015

Durch die Krise kommt keiner allein - Christian Rathner

Angenehme und erhellende Lektüre

Ganz so ausgiebig, wie ich es mir erhofft hatte, kam ich an den Feiertagen nun doch nicht zum Schmökern. Immerhin habe ich eines der drei bereitgelegten Bücher inzwischen  gelesen: Christian Rathners Durch die Krise kommt keiner allein - Was Griechenland Europa lehrt .

Dank der leicht verständlichen Schreibweise, dem konstruktiven, gar nicht schwarzmalerischen Ansatz, dem Einfließen persönlichen Erlebens während des Schreibprozesses und den vielen Seitenblicken auf Kulturelles und Geschichtliches eine angenehme Lektüre. Dank der klugen Beobachtungen und Analysen zudem eine erhellende, die weit mehr als tägliche Medienberichte Zusammenhänge verstehen lässt und über reine Fakten hinaus Perspektiven aufzeigt, aber auch Schicksale und Stimmungen spürbar macht. Parallelen zu ähnlichem Werk - Viel O-Ton Betroffener, viele Berichte über Bewältigungsversuche an der Basis in sozialen Netzwerken und Kooperativen

Durch die Krise kommt keiner allein - Was Griechenland Europa lehrt ist das zweite Buch zur gleichen Krisenthematik, das ich ich in den letzten Wochen las. Das erste war Landolf Scherzers "Stürzt die Götter vom Olymp - Das andere Griechenland".
Beide Autoren - Christian Rathner ebenso wie Landolf Scherzer - sind weder Wirtschafts- noch Griechenlandexperten, sprechen noch nicht einmal Griechisch. Für beide ist es das Schicksal der Menschen, denen sie bei ersten kurzen Besuchen des Krisenlandes begegnet sind, das sie berührt und für beide sind es Schlagzeilen und Äußerungen in den Medien und auf der Straße über die "faulen Griechen", die sie als so dumm und ungerecht empfinden, dass sie unbedingt ordentlich in Griechenland recherchieren und ein Buch schreiben wollen, um Vorurteile sie dieses zu hinterfragen und ihnen etwas entgegen zu setzen.

Dabei ist der Ansatz der beiden zunächst recht ähnlich. Beide haben viele Betroffene zu Wort kommen lassen und damit fühlbar gemacht, was die Sparmaßnahmen, Abgabenerhöhungen und trüben Perspektiven den einzelnen Menschen auferlegen. Beide haben auch aufgezeigt, was Solidarität in schweren Zeiten wie diesen vermag. Beide haben Hilfsorganisationen besucht, wie soziale Netzwerke und Krankenstationen, Suppenküchen und Direktvermarktungsinitiativen, die Teile der Produkte kostenlos an Hilfsbedürftige ausgeben. Beide waren sie auch bei der Sozialkooperative Vio.me in Thessaloniki. Ein Teil des Wegs zum Durchkommen durch die Krise und ein Teil der Lehre für Europa mögen bei dieser Hilfsbereitschaft und gegenseitigen Unterstürzung der Griechen füreinander zu finden sein. "Mit den sozialen Netzwerken ... hat in Griechenland eine Veränderung begonnen, deren Tragweite noch nicht absehbar ist. Aus dem einstigen 'Mutterland der Demokratie' kommen auch heute wegweisende Ideen" sagt Rathner am Ende seines Kapitels "Solidarität für alle. Und warum Charity etwas anderes ist."

 Auch Fachleute haben das Wort bei der Suche nach Auswegen und Lösungen

Anders als Scherzer, der sich in seinem Buch "Stürzt die Götter vom Olymp" auf Moment- und Bestandsaufnahmen beschränkt,  sucht Rathner aber auch auf politischer und ökonomischer Ebene Ursachen für die Krise und vor allem Auswege daraus und zu ziehende Lehren. Er spricht nicht nur Betroffene, sondern auch Wirtschaftsexperten an, wie den Ökonomen Yanis Varoufakis. Dieser hat schon einen "moderaten Vorschlag" in der Schublade und auf seinem Blog, mit dem er einen Weg aus der Krise aufzeigt, die seiner Meinung nach keine griechische Krise ist, sondern eine Krise Europas, genauer: eine Krise der Eurozone. Um ein Ende der "tödlichen Umarmung bankrotter Staaten durch bankrotte Banken" geht es darin im ersten Schritt. Auch die viel diskutierten "Euro-Bonds" spielen darin eine Role und schließlich eine Investitionsoffensive der Europäischen Investitionsbank und des Europäischen Investitionsfons - allerdings ohne die derzeit geltende 50-Prozent-Beteiligung der hoch verschuldeten Staaten. Ob der gut durchdachte Vorschlag, den der dem Autor Rathner so sympathische Mann vor ihm ausbreitet, funktionieren kann? Die Frage lässt Rathner nicht los. Die Politik konnte Varoufakis bislang nicht überzeugen oder jedenfalls nicht zum entsprechenden Handeln bewegen. Viele europäische Politiker geben ihm Recht, sagt er - allerdings erst nach einem Glas Rotwein. Und keiner von ihnen wage es, die Sache öffentlich anzusprechen. Es sei denn, ein Vorreiter würde den ersten Schritt wagen. In diesem Fall wären nach Einschätzung des Ökonomen viele bereit mitzuziehen. Aber die Politik sei ein träges System. Es bedürfe einigen Mutes, Fehler einzugestehen und zu korrigieren. Dem Autor Rathner  als Laien erscheint Varoufakis Argumentation glaubwürdig und es lässt ihn die Frage nicht los: "Wenn es auch nur die geringste Chance gäbe, den Menschen Maßnahmen von solcher Härte zu ersparen - warum tut man dann nicht alles, um sie zu nützen? Oder wenigstens die härtesten Auswirkungen abzufedern?". Mit den Worten "Europa ist gefragt. Europa steht in Frage." schließt sein Kapitel über das Gespräch mit Varoufakis.


Der griechische Patient und seine Ferndiagnosten

Eines meiner Lieblingskapitel in Rathners Krisenbericht ist das Kapitel 8, das der Frage "Wer ist verantwortlich?" nachgeht, der "gar nicht so einfachen Frage nach der Schuld".
Wie so oft in seinem Buch holt er hier erst einmal weit aus, um dem Phänomen der Griechenschelte auf den Grund zu gehen. Er beginnt mit einer Situation, die wohl jeder kennt, der schon einmal mit der ärztlichen Diagnose einer schweren Krankheit konfrontiert war. Plötzlich finden sich viele liebe Verwandte und Bekannte, die genauer als irgendein Arzt wissen, wie man sich das Leiden zugezogen hat. Entweder: Ganz klar - "Zu viel gearbeitet, ein Workaholic". Oder aber auch das Gegenteil: "Zu passiv". Oder vielleicht: "Zu emotional", oder vielleicht eher "zu verklemmt.", "zu wenig seinen Gefühlen freien Lauf gelassen". "Selbstentlastende Ferndiagnose" nennt Rathner dieses Phänomen, bei dem es gar nicht wirklich um den Kranken geht, sondern um die Ängste dessen, der da über ihn redet. Jeder hat in sich selbst eine tiefe Angst vor Krankheit. So spricht man sich selbst Mut zu, indem man vermeintliche Ursachen der Krankheit des anderen benennt, gegen die man selbst gefeit ist. Kann man dem Patienten selbst die Schuld zuschieben, dann hilft das sehr, eine beruhigende Distanz zu ihm und zu dem Thema Krankheit zu schaffen. Jemand hat sich in Afrika die Malaria geholt? Wer dort selbst nicht hinfährt, läuft auch nicht Gefahr, sie auch zu bekommen. Schwieriger wird es, wo die Ursache weniger klar ist. Gerade dort wird die entlastende Ferndiagnose wirksam. Indem man dem Kranken Eigenschuld gibt, wird das Entsetzen über die dunkle Diagnose gebannt. "Der ist ja selbst schuld. Mir kann so etwas nicht passieren". So lassen sich eigene Ängste unterdrücken. "Er raucht. Darum ist er jetzt krank. Ich nicht, also keine Gefahr." "Er arbeitet zu viel, wärhend bei mir alles im Lot ist. Darum wurde er krank. Kann mir nicht passieren."
Daraus schließt der Autor Rathner:
"Dem griechischen Patienten geht es nicht anders. Die gebetsmühlenartige Wiederholung des Befundes, dass "die Griechen" selbst schuld sind an ihrer Lage, zerstreut die Bedenken, man könnte Symptome desselben Syndroms ausbrüten. Über die Verhältnisse gelebt? Zu viele Schulden aufgehalst? Steuern hinterzogen. Bestechlich gewesen? Es ist entlastend, all das beim anderen, beim Patienten zu sehen und nicht bei sich selbst. Die selbstentlastende Ferndiagnose greift gern und tief in den Topf der Vorurteile. Die Griechen sind faul, wir fleißig. Sie sind korrupt, wir korrekt.".... Es herrscht "Hochkonjunktur für Vereinfacher." "Die Chance, am fremden Beispiel eigene Probleme zu erkennen, wird damit klein. Die Ferndiagnose bringt Menschen gegeneinander auf, die bei genauerem Hinsehen in einem Boot sitzen.

Musikalischer Schlussakkord

Den Schlussakkord zu Rathners Krisenbericht liefert wieder der griechische Musiker Mikis Theodorakis, dessen Musik auch bereits die Ouvertüre gebildet hat. Zu Beginn wie zu Ende des Buches stehen ein Konzertbesuch mit altbekannten griechischen Liedern, die allen vertraut sind - den mitsingenden und tobenden Applaus spendenden Griechen sowieso, doch immer mehr im Laufe seiner Griechenlandaufenthalte auch Christian Rathner - vertraut und Mut ebenso wie Trost spendend. "Wer solche Lieder hat und sie so zu feiern weiß, kann nicht untergehen" ist Rathners Schlussgedanke, bevor sich nach einem letzten Zitat einer Krisenbetroffenen die Buchdeckel schließen. In dem Moment wird mir bewusst, dass uns in meinem Land eine ähnlich kraftvolle, die Menschen sowohl in Erinnerung und Trauer als auch Freude und Zuversicht verbindende und kulturelle und nationale Identität stiftende Musik fehlt. Also wehe uns! Lieber beizeiten von Griechenland lernen, wie uns Rathner anweisen will, bevor auch wir schließlich ungewappnet harten Zeiten gegenüberstehen. Ob wir sie mit der gleichen Beherztheit und dem gleichen Gemeinschaftssinn wie die Griechen zu packen wüssten?