4. Januar 2015

Durch die Krise kommt keiner allein - Christian Rathner

Angenehme und erhellende Lektüre

Ganz so ausgiebig, wie ich es mir erhofft hatte, kam ich an den Feiertagen nun doch nicht zum Schmökern. Immerhin habe ich eines der drei bereitgelegten Bücher inzwischen  gelesen: Christian Rathners Durch die Krise kommt keiner allein - Was Griechenland Europa lehrt .

Dank der leicht verständlichen Schreibweise, dem konstruktiven, gar nicht schwarzmalerischen Ansatz, dem Einfließen persönlichen Erlebens während des Schreibprozesses und den vielen Seitenblicken auf Kulturelles und Geschichtliches eine angenehme Lektüre. Dank der klugen Beobachtungen und Analysen zudem eine erhellende, die weit mehr als tägliche Medienberichte Zusammenhänge verstehen lässt und über reine Fakten hinaus Perspektiven aufzeigt, aber auch Schicksale und Stimmungen spürbar macht. Parallelen zu ähnlichem Werk - Viel O-Ton Betroffener, viele Berichte über Bewältigungsversuche an der Basis in sozialen Netzwerken und Kooperativen

Durch die Krise kommt keiner allein - Was Griechenland Europa lehrt ist das zweite Buch zur gleichen Krisenthematik, das ich ich in den letzten Wochen las. Das erste war Landolf Scherzers "Stürzt die Götter vom Olymp - Das andere Griechenland".
Beide Autoren - Christian Rathner ebenso wie Landolf Scherzer - sind weder Wirtschafts- noch Griechenlandexperten, sprechen noch nicht einmal Griechisch. Für beide ist es das Schicksal der Menschen, denen sie bei ersten kurzen Besuchen des Krisenlandes begegnet sind, das sie berührt und für beide sind es Schlagzeilen und Äußerungen in den Medien und auf der Straße über die "faulen Griechen", die sie als so dumm und ungerecht empfinden, dass sie unbedingt ordentlich in Griechenland recherchieren und ein Buch schreiben wollen, um Vorurteile sie dieses zu hinterfragen und ihnen etwas entgegen zu setzen.

Dabei ist der Ansatz der beiden zunächst recht ähnlich. Beide haben viele Betroffene zu Wort kommen lassen und damit fühlbar gemacht, was die Sparmaßnahmen, Abgabenerhöhungen und trüben Perspektiven den einzelnen Menschen auferlegen. Beide haben auch aufgezeigt, was Solidarität in schweren Zeiten wie diesen vermag. Beide haben Hilfsorganisationen besucht, wie soziale Netzwerke und Krankenstationen, Suppenküchen und Direktvermarktungsinitiativen, die Teile der Produkte kostenlos an Hilfsbedürftige ausgeben. Beide waren sie auch bei der Sozialkooperative Vio.me in Thessaloniki. Ein Teil des Wegs zum Durchkommen durch die Krise und ein Teil der Lehre für Europa mögen bei dieser Hilfsbereitschaft und gegenseitigen Unterstürzung der Griechen füreinander zu finden sein. "Mit den sozialen Netzwerken ... hat in Griechenland eine Veränderung begonnen, deren Tragweite noch nicht absehbar ist. Aus dem einstigen 'Mutterland der Demokratie' kommen auch heute wegweisende Ideen" sagt Rathner am Ende seines Kapitels "Solidarität für alle. Und warum Charity etwas anderes ist."

 Auch Fachleute haben das Wort bei der Suche nach Auswegen und Lösungen

Anders als Scherzer, der sich in seinem Buch "Stürzt die Götter vom Olymp" auf Moment- und Bestandsaufnahmen beschränkt,  sucht Rathner aber auch auf politischer und ökonomischer Ebene Ursachen für die Krise und vor allem Auswege daraus und zu ziehende Lehren. Er spricht nicht nur Betroffene, sondern auch Wirtschaftsexperten an, wie den Ökonomen Yanis Varoufakis. Dieser hat schon einen "moderaten Vorschlag" in der Schublade und auf seinem Blog, mit dem er einen Weg aus der Krise aufzeigt, die seiner Meinung nach keine griechische Krise ist, sondern eine Krise Europas, genauer: eine Krise der Eurozone. Um ein Ende der "tödlichen Umarmung bankrotter Staaten durch bankrotte Banken" geht es darin im ersten Schritt. Auch die viel diskutierten "Euro-Bonds" spielen darin eine Role und schließlich eine Investitionsoffensive der Europäischen Investitionsbank und des Europäischen Investitionsfons - allerdings ohne die derzeit geltende 50-Prozent-Beteiligung der hoch verschuldeten Staaten. Ob der gut durchdachte Vorschlag, den der dem Autor Rathner so sympathische Mann vor ihm ausbreitet, funktionieren kann? Die Frage lässt Rathner nicht los. Die Politik konnte Varoufakis bislang nicht überzeugen oder jedenfalls nicht zum entsprechenden Handeln bewegen. Viele europäische Politiker geben ihm Recht, sagt er - allerdings erst nach einem Glas Rotwein. Und keiner von ihnen wage es, die Sache öffentlich anzusprechen. Es sei denn, ein Vorreiter würde den ersten Schritt wagen. In diesem Fall wären nach Einschätzung des Ökonomen viele bereit mitzuziehen. Aber die Politik sei ein träges System. Es bedürfe einigen Mutes, Fehler einzugestehen und zu korrigieren. Dem Autor Rathner  als Laien erscheint Varoufakis Argumentation glaubwürdig und es lässt ihn die Frage nicht los: "Wenn es auch nur die geringste Chance gäbe, den Menschen Maßnahmen von solcher Härte zu ersparen - warum tut man dann nicht alles, um sie zu nützen? Oder wenigstens die härtesten Auswirkungen abzufedern?". Mit den Worten "Europa ist gefragt. Europa steht in Frage." schließt sein Kapitel über das Gespräch mit Varoufakis.


Der griechische Patient und seine Ferndiagnosten

Eines meiner Lieblingskapitel in Rathners Krisenbericht ist das Kapitel 8, das der Frage "Wer ist verantwortlich?" nachgeht, der "gar nicht so einfachen Frage nach der Schuld".
Wie so oft in seinem Buch holt er hier erst einmal weit aus, um dem Phänomen der Griechenschelte auf den Grund zu gehen. Er beginnt mit einer Situation, die wohl jeder kennt, der schon einmal mit der ärztlichen Diagnose einer schweren Krankheit konfrontiert war. Plötzlich finden sich viele liebe Verwandte und Bekannte, die genauer als irgendein Arzt wissen, wie man sich das Leiden zugezogen hat. Entweder: Ganz klar - "Zu viel gearbeitet, ein Workaholic". Oder aber auch das Gegenteil: "Zu passiv". Oder vielleicht: "Zu emotional", oder vielleicht eher "zu verklemmt.", "zu wenig seinen Gefühlen freien Lauf gelassen". "Selbstentlastende Ferndiagnose" nennt Rathner dieses Phänomen, bei dem es gar nicht wirklich um den Kranken geht, sondern um die Ängste dessen, der da über ihn redet. Jeder hat in sich selbst eine tiefe Angst vor Krankheit. So spricht man sich selbst Mut zu, indem man vermeintliche Ursachen der Krankheit des anderen benennt, gegen die man selbst gefeit ist. Kann man dem Patienten selbst die Schuld zuschieben, dann hilft das sehr, eine beruhigende Distanz zu ihm und zu dem Thema Krankheit zu schaffen. Jemand hat sich in Afrika die Malaria geholt? Wer dort selbst nicht hinfährt, läuft auch nicht Gefahr, sie auch zu bekommen. Schwieriger wird es, wo die Ursache weniger klar ist. Gerade dort wird die entlastende Ferndiagnose wirksam. Indem man dem Kranken Eigenschuld gibt, wird das Entsetzen über die dunkle Diagnose gebannt. "Der ist ja selbst schuld. Mir kann so etwas nicht passieren". So lassen sich eigene Ängste unterdrücken. "Er raucht. Darum ist er jetzt krank. Ich nicht, also keine Gefahr." "Er arbeitet zu viel, wärhend bei mir alles im Lot ist. Darum wurde er krank. Kann mir nicht passieren."
Daraus schließt der Autor Rathner:
"Dem griechischen Patienten geht es nicht anders. Die gebetsmühlenartige Wiederholung des Befundes, dass "die Griechen" selbst schuld sind an ihrer Lage, zerstreut die Bedenken, man könnte Symptome desselben Syndroms ausbrüten. Über die Verhältnisse gelebt? Zu viele Schulden aufgehalst? Steuern hinterzogen. Bestechlich gewesen? Es ist entlastend, all das beim anderen, beim Patienten zu sehen und nicht bei sich selbst. Die selbstentlastende Ferndiagnose greift gern und tief in den Topf der Vorurteile. Die Griechen sind faul, wir fleißig. Sie sind korrupt, wir korrekt.".... Es herrscht "Hochkonjunktur für Vereinfacher." "Die Chance, am fremden Beispiel eigene Probleme zu erkennen, wird damit klein. Die Ferndiagnose bringt Menschen gegeneinander auf, die bei genauerem Hinsehen in einem Boot sitzen.

Musikalischer Schlussakkord

Den Schlussakkord zu Rathners Krisenbericht liefert wieder der griechische Musiker Mikis Theodorakis, dessen Musik auch bereits die Ouvertüre gebildet hat. Zu Beginn wie zu Ende des Buches stehen ein Konzertbesuch mit altbekannten griechischen Liedern, die allen vertraut sind - den mitsingenden und tobenden Applaus spendenden Griechen sowieso, doch immer mehr im Laufe seiner Griechenlandaufenthalte auch Christian Rathner - vertraut und Mut ebenso wie Trost spendend. "Wer solche Lieder hat und sie so zu feiern weiß, kann nicht untergehen" ist Rathners Schlussgedanke, bevor sich nach einem letzten Zitat einer Krisenbetroffenen die Buchdeckel schließen. In dem Moment wird mir bewusst, dass uns in meinem Land eine ähnlich kraftvolle, die Menschen sowohl in Erinnerung und Trauer als auch Freude und Zuversicht verbindende und kulturelle und nationale Identität stiftende Musik fehlt. Also wehe uns! Lieber beizeiten von Griechenland lernen, wie uns Rathner anweisen will, bevor auch wir schließlich ungewappnet harten Zeiten gegenüberstehen. Ob wir sie mit der gleichen Beherztheit und dem gleichen Gemeinschaftssinn wie die Griechen zu packen wüssten?

28. Dezember 2014

Hölle und Paradies sind sich zuweilen sehr nah!

Den ganzen Sonntag, den 28. Dezember 2014, dauerten Lösch- und Rettungsarbeiten an der Adria-Fähre Norman Atlantic an, nachdem diese in den frühen Morgenstunden einen Notruf wegen eines ausgebrochenen Feuers an Bord abgesetzt hatte. Unwetter mit Windstärke bis zu 10 Beaufort und Wellen bis zu 4 Meter (laut manchen Berichten 6 Meter) hoch setzten den Passagieren des brennenden Schiffs schlimm zu und machten ihr Verbringen auf die herangeeilten Schiffe und Hubschrauber äußerst schwierig, so dass sich ihre Rettung extrem langsam gestaltete. Eine Hölle für die Betroffenen. Und dies so nah an der paradiesisch anmutenden Insel Othoni . 33 Seemeilen von diesem geographisch zu den Diapontischen Inseln und verwaltungsmäßig zur Insel Korfu gehörigen, 5,6 Kilometer langen und durchschniittlich  3,6 Kilometer breiten Inselchen war die Normal Atlantic entfernt, als sie das erste Notsignal sendete.

26. Dezember 2014

Feiertage - Mußetage - Lesetage!

In den ersten Schnee gezeichnet: Κales ΓΙΟΡΤΕΣ =  kales GIORTES = Frohe FEIERTAGE

Feiertage - und dann gleich anschließend Wochenende! Viel Zeit für meinen bequemen Lesesessel, der jetzt in seinem Winterkleid aus kuscheligem Lammfell steckt. Draußen der erste Schnee, wenngleich er schon wieder mit viel klangvollem Getröpfel begleitet von Vögelgezwitscher an der ab und zu durch die Wolken brechenden Sonne dahinschmilzt.

Ich habe gerade begonnen, Christian Rathners Buch "Durch die Krise kommt keiner allein - Was Griechenland Europa lehrt" zu lesen und bin gespannt. Im Moment bin ich noch beim Vorwort, das überschrieben ist mit Probleme mit der Hängematte oder: Warum dieses Buch geschrieben werden musste. Hier holt Rathner ein wenig aus. Er berichtet kurz über eigene Griechenlanderfahrungen, die den Recherchen zu diesem Buch und einer entsprechenden TV-Sendung vorausgingen, und über sein Griechenlandbild zu einer Zeit, als die Krise noch nicht die Oberhand hatte. Als Schlüsselerlebnis, das ihn dieses Buch schreiben ließ, nennt er ein Interview mit der österreichischen Finanzministerin, das er eines Morgens gehört hatte. Ob die Griechen wohl selbst daran schuld seien, dass sie beim Bremsmanöver der auferlegten Sparpolitik durch die Windschutzscheibe geflogen seien, wollte der Reporter wissen. Die Ministerin ließ diese Sicht der Dinge nicht gelten. "Die Griechen sind nicht durch die Windschutzscheibe geflogen", sagte sie mit Nachdruck: "Die Griechen sind aus der Hängematte gefallen."

Diese Sicht der Dinge - oder besser diese gekonnte Polemik, wie er sie nennt, die auf Zustimmung heischende Weise Halbwahres mit ganz Falschem, Beurteilungen mit Vorurteilen vermischt, stößt nun wiederum Rathner bitter auf. So bitter, dass er sich genötigt sieht, dieses Buch zu schreiben. Im Bild von der Hängematte schwingt die böse Vorstellung von den Menschen mit, die es sich faul und arbeitsscheu im Sozialsystem bequem gemacht haben, erkennt er ebenso wie das Zielen auf das Vorurteil über die Bewohner südlicher Länder, die sich angeblich in die Sonne legen, anstatt ein ordentliches Bruttoinlandsprodukt zu erwirtschaften. Vor allem aber stößt ihn die Pauschalierung ab: Nicht etwa die griechische Politik wurde kritisiert, sondern "die Griechen", also alle.

Ich hoffe, im weiteren Verlauf der Lektüre schmelzen Vorurteile genauso zügig dahin, wie draußen der erste Schnee und es kommt etwas erhellendes Licht in das Mediendickicht rund um Griechenland und die Krise.

Weiterer Blogbeitrag zu dem Buch:
Meine Buchbesprechung nach vollständiger Lektüre

24. Dezember 2014

Kala Christoujenna! - Frohe Weihnachten!

Allen Besuchern dieses Blogs von Herzen frohe Feiertage! Dazu das Lied ("Stille Nacht -) Heilige Nacht", gesungen und mit einem Krippenspiel in Szene gesetzt von der beliebten Kinderband "Ta Zouzounia"

20. Dezember 2014

Im Rausch der Tiefe auf Kalymnos und Amorgos


Luc Besson hat mit "Im Rausch der Tiefe" einen Film vorgelegt, der von der Faszination des Meeres, griechischer Landschaft und des Tauchens - ganz aus eigener Kraft - lebt.

Im Zentrum von Luc Bessons Film stehen Apnoe-Taucher, wie jene legendären großenteils von der  Insel Kalymnos, aber auch anderen ägäischen Inseln stammenden Taucher, die ohne Geräte Schwämme aus den Meerestiefen emporbringen. Sie holen tief Luft und halten sie während des Tauchgangs an. Der Begriff Apnoe kommt aus dem Griechischen von  pnoí = Atemzug und entsprechend  ápnoia = Nicht-Atmung. Über Jahrhunderte diente diese gefährliche Tauchart auf Kalymnos dem Broterwerb. Die aus dem Meer geholten Schwämme stellten bis circa 1950 die Haupteinnahmequelle auf der Insel dar.

Blick vom Kloster Panagia Chozoviotissa auf Amorgos

Auch heute noch fahren Schwammtaucher von Kalymnos aufs Meer um nach Schwämmen zu tauchen - allerdings inzwischen mit Tauchausrüstung. Dennoch hat auch das Apnoetauchen als sportliche Disziplin noch ihre Anhänger. Die Sportvereinigung AIDA der Anhänger dieser Form des Tauchens hält seit Jahren internationale Apnoe-Wettkämpfe ab - auch schon auf Kalymnos.

Im Film "Im Rausch der Tiefe" wird das Tauchen zum sportlichen Ehrgeiz und zur Leidenschaft. Viele Szenen des Films spielen in Griechenland vor der Kykladeninsel Amorgos. Inspiriert ist er von der Lebensgeschichte des berühmten Apnoe-Tauchers Jacques Mayol, der ohne Atemgerät in eine Tiefe von 100 Metern gelangte.

15. Dezember 2014

Neuer Lesestoff

Gerade habe ich meine Lektüre der einfühlsamen, stimmigen Reportagen aus Thessaloniki und Chalkidiki im Krisenjahr 2014 von Landolf Scherzer in seinem Buch "Stürzt die Götter vom Olymp" beendet - eine gleichermaßen kurzweilige wie aufschlussreiche Lektüre, die viele eigene Eindrücke bestätigt.

Nun liegen neben meinem Lesesessel für die nächsten winterlichen Leseabende bereit:

  • Der neue Krimi des griechischen Autors Petros Markaris, der mir sicher genauso gut gefallen wird wie seine bisherigen Werke . Τιτλοι τελους (titli telus) ist sein griechischer Titel. Auf Deutsch soll er im März 2015 unter dem Titel "Zurück auf Start" erscheinen.   
  • "Griechenland im Würgegriff - Ein Land an der EU-Peripherie wird zugerichtet" , herausgegeben von Paul B. Kleiser mit Beiträgen verschiedener Autoren
Weiterer Blogbeitrag dazu:
> Meine Buchbesprechung zu "Durch die Krise kommt keiner allein" 

5. Dezember 2014

Düstere Erinnerungen und aktuelle Krawalle

Alexis Grigoropoulos murder spot, Tzavella st, Athens
70 Jahre liegen die in Griechenland Dekembriana genannten erbitterten Kämpfe im Athen des Dezembers 1944 zurück, an die eine sehr lebhafte Erinnerung in der Stadt besteht. Man gedenkt nicht nur der Tausende von Opfer. Vor allem vergisst man nicht das Unrecht, das damals vielen ehemaligen Widerstandskämpfern gegen die Nazis geschah. Rund 12.000 von ihnen wurden in Straflager verschleppt, während ehemalige Nazi-Kollaborateure auf Athens Straßen paradierten. Hauptschuld daran trug ein plötzlicher Strategiewechsel der britischen Besatzer, die nach dem Abzug der Nazis im Oktober 1944 an der Macht waren und sich plötzlich gegen die ehemaligen verbündeten Widerstandsgruppen ELAS und EAM stellten, weil sie deren kommunistischer Gesinnung die rechte Ausrichtung der Nationalisten und Royalisten vorzogen. Ein profunder Artikel im britischen Guardian nennt das Britanniens "schmutziges Geheimnis".

6 Jahre erst ist es her, dass der 15-jährige Alexandros Grigoropoulos in Athen von dem Polizisten Epaminondas Korkoneas durch einen Schuss in den Leib getötet wurde. Wut- und Trauerbekundungen und Proteste waren die Folge, schließlich auch Ausschreitungen und Polizeigewalt. Seither kommt es am Jahrestag dieses tragischen Tods immer wieder zu Demonstrationen und oft auch zu Krawallen.

Im Dezember 2014 befindet sich nun ein enger Freund des damals getöteten Alexandros Grigoropoulos im Hungerstreik. Der heute 20-jährige Nikos Romanos war 2008 Augenzeuge, als sein Freund zu Tode kam, wurde seither straffällig und kämpft nun von dem Gefängnis aus, in dem er einsitzt, für seine Zulassung zum Studium. Denn trotz Bestehens der schwierigen Panhellenischen Prüfungen soll es ihm wegen der Haftstrafe versagt werden. Tausende Athener unterstützen ihn und protestieren für ihn auf Athens Straßen.
Denn angesichts dieser Verkettung von als ungerecht und brutal empfundenen Ereignissen über den Lauf der Jahre hinweg hat die heutige Situation des jungen Nikos Romanos und seine Auflehnung dagegen natürlich Symbolcharakter. Bildung, die ihm verwehrt werden soll, hat für die Griechen gerade in Krisenzeiten einen sehr hohen Stellenwert. "Brot, Bildung, Freiheit" stand auf den Transparenten, als Studenten sich im November 1973 gegen die damals seit 1967 herrschende Militärdiktatur erhoben. Mit dem gleichen Slogan gehen die Athener auch heute wieder auf die Straßen ihrer Stadt, um auf Misstände hinzuweisen oder ihrer Meinung nach ungerecht Behandelte zu unterstützen.

Quelle: Englischsprachiger Artikel "Athens 1944: Britain's dirty secret" im Guardian 

Weitere Informationen:

4. Dezember 2014

Fest der Heiligen Barbara

Das Fest der Heiligen Barbara (griechisch Βάρβαρα, sprich Várvara) ist eines der Feste, die in den westlichen Kirchen am gleichen Tag wie in der griechisch orthodoxen Kirche gefeiert wird - am 4. Dezember.

Auch die Spezialisierung der Heiligen Märtyrerin ist die in beiden Kirchen eine ähnliche. Sie gilt als Patronin der Bergleute - und damit als Schutzheilige all jener, die ihre Arbeit unter Tage verrichten. So betrachtet auch die Metro sie als ihre Patronin. Deshalb öffnet die noch im Bau befindliche Metro von Thessaloniki anlässlich des Fests der Heiligen Barbara einige der weitgehend fertiggestellten Stationen für die Öffentlichkeit zur Besichtigung. Es sind dies am 4. Dezember 2014 von 11:00 bis 15:00 Uhr die Station am neuen Bahnhof von Thessaloniki, Freitag, 5. Dez., 14:00 bis 17:00 Uhr die Station Syntrivani und Sonntag, 7. Dez. 2014, 11:00 bis 14:00 Uhr die Station Analipsi.

Nach der Überlieferung war Barbara die Tochter des Dioscuros und lebte am Ende des 3. Jahrhunderts im kleinasiatischen Nikomedia (dem heutigen İzmit).

Das Wort Barbara bedeutet Fremde. Lautmalerischen Ursprungsstand stand es für etwas, was für griechische Ohren, die die Worte und Laute der Fremden nicht zu deuten wußten wie ein Brabbeln klang, einfach nur ein Brabrabarbarabra, was die "Barbaren" da von sich gaben.

Griechische Gotteshäuser, die der Heiligen Barbara geweiht sind, feiern am 4. Dezember ihr Kirchweihfest. Besonders festlich geschieht das im Ort Ag. Varvara in der Präfektur Iraklio auf Kreta, in Louros nördlich von Preveza in der Region Epirus und in Pamfylla auf der ägäischen Insel Lesbos.

26. November 2014

Generalstreik am 27. November 2014

Groß ist diesmal die Beteiligung an dem Generalstreik, zu dem für den 27. November 2014 die zwei wichtigsten griechischen Gewerkschaftsverbände GSEE und ADEDY, unter deren Dach ein Großteil der griechischen Gewerkschaften organisiert ist, aufgerufen haben.

Auch der öffentliche Verkehr ist stark betroffen. Während sich zur Touristensaison dieser Sektor stark zurückhielt und Streiks teils auch gerichtlich verboten worden waren - vor allem diejenigen der Fluglotsen - zeichnet sich diesmal kein derartiges Verbot ab. Die Fluggesellschaft Aegean Airlines kündigt bereits Stornierungen und Flugplanänderungen an.

Streikpläne des öffentlichen Verkehrs in Griechenland im Einzelnen:

(alle Angaben ohne Gewähr. Mit laufenden Änderungen ist zu rechnen)
  • Flüge - 24 Stunden Streik der Fluglotsen macht Flüge unmöglich
  • Fähren - Seeleute  der Gewerkschaft PNO) streiken 24 Stunden. Damit fallen alle größeren griechischen Fähren aus. Erfahrungsgemäß sind internationale Fähren mit internationalem Personal und einige wenige private Gesellschaften nicht betroffen.
  • Bahn - Die griechische Bahn OSE streikt 24 Stunden
  • Nahverkehr Athen - Nur stundenweise Streiks. Zu folgenden Zeiten verkehren fahren folgende Verkehrsmittel:
    U-Bahn (= Metro Linien 1 und 2 ) : 9 Uhr bis 21 Uhr
    U-Bahn (= Metro Linie 3 ): 9 Uhr bis 21 Uhr, aber nicht bis Flughafen, sondern nur bis zur Station Doukisis Plakendias
    S-Bahn (= ISAP ) : 10 bis 16 Uhr
    Busse und Trolleys: 9 bis 21 Uhr
    Straßenbahn:
      9 bis 17Uhr
  • Nahverkehr Thessaloniki - Busse streiken. Es soll aber ein Notdienst mit 1 bis 2 Bussen pro Stunde eingerichgtet werden. Der Nachtbus Νο 78Ν  der Gesellschaft KTEL zum Flughafen solll nicht betroffen sein. 
Quelle: GTPApergia.gr, https://twitter.com/thess_transport

> Artikel Informationen zu griechischen Gewerkschaften und Streikaufruf




via http://news.gtp.gr/2014/11/25/greek-air-ferry-rail-bus-services-affected-by-strike-thursday/

18. November 2014

Stille Örtchen in Griechenland

Am 19. November ist Welttoilettentag. Anlass mal einen Blick in griechische "stille Örtchen" zu werfen.


Bereits im antiken Griechenland gab es Vorläufer unserer modernen Toilette: Steinbänke mit der menschlichen Anatomie angepassten Löchern, unter denen Wasserläufe für den Abtransport der Ausscheidungen sorgten. Was die Archäologie vom Palast von Knossos auf Kreta zu Tage förderte, lässt darauf schließen, dass dem sagenumwobenen König Minos ein bequemer Holzsitz mit Wasserspülung zur Verrichtung seiner Notdurft zur Verfügung stand. 

Darauf folgte - wohl dem Einfluss der Osmanenherrschaft geschuldet  - die Zeit des Stehklos, der Hocktoilette, oder der "türkischen Toilette", wieimmer man auch diese Abortvariante nennen will, bei der einem die bequeme, zum Verweilen und Zeitunglesen einladende Sitzhaltung verwehrt wird. Ab und zu trifft man noch auf derartige Klosetts in Privathäusern, Klöstern oder neben altertümlichen Dorftavernen. In der Türkei scheinen sie noch häufiger zu sein. Für dort gilt diese Gebrauchsanweisung.
Moderne griechische Toiletten sind denen anderer europäischer Länder nicht unähnlich. Nur

sind die Ausmaße meist etwas kleiner. Das betrifft zum Einen die Maße des Toilettensitzes. Ähnlich denen anderer griechischer Sitzgelegenheiten - wie z.B. der traditionellen, seil- oder strohbespannten griechischen Tavernenstühe - sind sie auf Minigesäße ausgerichtet. Warum wohl? Ein wenig kleiner als Mitteleuropäer mögen viele Griechen sein - viele, fürwahr nicht alle! Aber sooo klein und doch auch wieder nicht!
Kleiner sind aber nicht nur die Maße der Kloschüssel. Auch die Maße der Rohre sind meist minimal gehalten. Das bedeutet minimale Wasserzu- und abfuhr. Allenfalls lassen sich damit noch flüssige Ausscheidungen auf einen Spülknopfdruck hin ordentlich wegspülen. Nach dem "großen Geschäft" sind oft mehrere Spülgänge fällig oder - zur Unterstützung - ein Guß aus dem oft neben der Toilette bereitstehenden Wassereimer. Letzterer dient nicht nur zur Unterstützung der Siphonspülung. Er leistet vor allem gute Dienste, wenn die Wasserspülung mal ganz versagt - was je nach Örtlichkeit gar nicht so selten passieren mag. Denn oft werden die Toiletten aus Zysternen gespeist. Zuweilen sorgt ein ausgeklügeltes, störungsanfälliges System, zu dem teils auch Elektropumpen gehören, dafür dass die Zysterne oder gerade die richtige der oft mehreren vorhandenen Zysternen Spülwaser liefert. Denn viele griechische Regionen leiden an Wassermangel, so dass es tabu ist, Trinkwasser für die Klospülung zu verwenden.
Es sollte sich von selbst verstehen, dass angesichts solcher Konstruktionen nichts Weiteres
neben den menschlichen Ausscheidungen in die durchschnittliche griechische Toilettenschüssel gehört. Toilettenpapier oder gar Papiertaschentücher - ganz zu schweigen von Slipeinlagen, Damenbinden oder dergleichen nicht einmal von westeuroäischen Toiletten immer klaglos geschluckten Materialien - haben natürlich nichts in der griechischen Kloschüssel zu suchen! Dafür gibt es einen Eimer daneben. Meist weisen Schilder auf diese Toilettenregel hin. Ausnahmen bilden wenige Neubauten und internationale Hotels.

Schließlich betrifft die Sache mit den kleineren Ausmaßen auch die Raummaße. Griechische Toiletten sind meist winzig. Bei öffentlichen Aborten mag das nicht weiter stören. Die Hauptsache man passt gerade noch hinein und kann sich zweckdienlich platzieren. Doch auch in Privathaushalten ebenso wie in Pensionen und einfachen Hotels sind die Nasszellen, die neben der Toilette ein winziges Duschbad umfassen, meist extrem klein, so dass man beim Duschen zwangläufig den gesamten Raum mitsamt Toilette überflutet.




5. November 2014

Locomondo - griechische Musik fetzig u. ungewohnt

Zwischen 8. und 10. November 2014 ist die international beliebte griechische Musikgruppe Locomondo mal wieder in Deutschland auf Tour (Wiesbaden, Hannover und Köln). Das Konzert am 10.11.2014 in Köln im Club Bahnhof Ehrenfeld wird vom WDR Funkhaus Europa mitgeschnitten und zu einem späteren Zeitpunkt in der Sendung World Live ausgestrahlt.
Hier ein Video von einem Auftritt der Band in Athen:

3. November 2014

17. November - "Brot, Bildung Freiheit"

Der 17. November wurde 1941 vom International Students’ Council in London als Weltstudententag ausgerufen, um an die blutig niedergeschlagenen Studentenproteste 1939 in Prag gegen die Besetzung durch die Nationalsozialisten zu erinnern.

 In Griechenland gedenkt man am 17. November weniger weit zurückliegender Ereignisse.1973 litt Griechenland seit 6 Jahren unter einer Militärdiktatur. Zwischen dem 15. und 17. November 1973 formierten sich ausgehend von der kurz Polytechnio genannten Athener Polytechnischen Hochschule Proteste gegen die herrschende Militärchunta. Mit dem Slogan “Brot, Bildung, Freiheit” gelang es den protestierenden Studenten weitere Bevölkerungsteile in ihre Proteste einzubeziehen, einschließlich eines Traktorzugs, mit dem Bauern aus der Stadt Megaro gegen die Beschlagnahmung ihres Lands für den Bau einer Ölraffinerie protestierten. Die Proteste weiteten sich aus.Auch sie wurden - wie jene einst in Prag - brutal niedergeschlagen. In den frühen Stunden des 17. Novembers zerschlug die Polizei die protestierenden Massen, die sich um das Universitätsgelände herum angesammelt hatten. Kurz darauf fuhren Militärpanzer vor und Soldaten marschierten vor dem Haupttor des Polytechnikums in der Patissionstraße auf. Studenten, sie sich auf dem Campusgelände verbarrikadiert hatten, riefen den Soldaten zu “Wir sind eure Brüder”, um sie zu bewegen, sich der Revolte anzuschließen. Statt dessen stellte Ihnen das angerückte Militär ein Ultimatum, das Universitätstor zu öffnen, worauf die Studenten lediglich mit dem Singen der Nationalhymne antworteten. Um 2.30 Uhr morgens brach darauf ein Panzer mit hoher Geschwindigkeit durch das Universitätstor und verletzte mehrere dahinter verbarrikadierte Studenten. Soldaten und Polizei drangen ein und drängten Hunderte Protestierender zusammen. Lang blieb im Unklaren, wieviele Menschen dabei getötet und verletzt wurden. Nachforschungen der EIA (National Hellenic Research Foundation) im Jahr 2003 brachten an den Tag, dass es 24 Todesopfer unter den Zivilisten, über Tausend Verletzte und 886 Verhaftungen gab.

Bilder von den Aufständen am 17. November 1973:
Seither wird alljährlich am 17. November der Aufstände und der Opfer unter den Protestierenden gedacht. Viele  rote Nelken und ein Marsch zur US-Botschaft gehören dazu. Denn die USA hatten die Militärchunta anerkannt und unterstützt, weil sie deren  antikommunistische Haltung schätzten. Auch daran denken die Griechen an diesem Jahrestag. Der Slogan der Studenten von 1973 "Brot, Bildung, Freiheit" hat indessen in den letzten Jahren eine ganz neue Bedeutung erlangt. Mit ihm vermengen sich die Gedenkmärsche und -versammlungen mit Protesten gegen die Sparmaßnahmen, Einkommenskürzungen und Abgabenerhöhungen, die die Menschen seit dem Ausbruch der Wirtschafts- und Schuldenkrise bedrängen. Viele Protestierende erweitern heute diese Schlagwörter um den Anhang "Die Militärchunta hat nicht 1973 geendet."

Bis 2011 herrschte als Reaktion auf die Vorfälle um den 17. November 1973 ein “Universitätsasyl”, das Polizei und Militär das Betreten des Campusgeländes verbot, um eine Wiederholung des damaligen Geschehens auszuschließen. In der heutigen unruhigen Zeit, wo sich Demonstrationen und Protestaktionen nicht nur an diesem historischen Tag, sondern das ganze Jahr über häufen, war dieses Asylrecht nicht mehr zu halten und es wurde abgeschafft. Denn bei manchen Ausschreitungen im Zuge solcher Proteste, hatten sich Randalierer in der Universität verschanzt und das Sonderrecht ausgenutzt.Auch gegen die Abschaffung dieses Asyls wird heute am 17. November protestiert.


Quellen: 
EIA (National Hellenic Research Foundation)
Englischsprachiges PressTV über den 17. November 2012
Umnulteoz Tetrasis über den 17. November 2011 auf Indymedia
Athensnews (erscheint leider zwischenzeitlich nicht mehr)